Das Verschwenden von Erinnerungen

Fotos auf Reisen

Fotos als Erinnerungen auf Reisen sind das A und O vieler Menschen. Sie sind der Beweis, dass man dort war. Die Dokumentation des Urlaubs ist nicht nur mit das Wichtigste auf einer Reise, es verkommt mittlerweile zum Wettbewerb. Ein Wettbewerb der Perfektion, des „auch-haben-wollens“. Fotos werden nicht mehr geschossen, damit man sie später seinen Kindern zeigen kann. Sie sind ein Exempel, ein Statussymbol. Die muskulösen Oberarme unserer Facebookprofile.

Warum wollen wir alle das selbe Foto?

Auf einem englischen Blog, den ich ums verrecken nicht mehr finde, wurde die Frage gestellt, warum denn alle das selbe Foto haben möchten. Aus welchem Grund stellen sich tausende Menschen vor den Turm von Pisa und versuchen ihn zu korrigieren. Wieso versuchen so viele Menschen den Winkel von Linse und Distanz so zu manipulieren, dass sie scheinbar die Spitze des Eiffelturms berühren.
Die Frage hat mich beschäftigt und ich denke, sie ist tiefgreifender als es auf den ersten Blick scheint.

Die Frage ist: Warum eifern wir so extrem nach dem Bild, das bereits tausende male vor uns gemacht und hergezeigt wurde?

Das Fotografieren ist auch ein Abbild dessen, wie und warum die Menschen reisen. Manchmal scheint mir, dass das Entdecken der Welt zu einem Marathon verkommt. Jedes Jahr noch weiter, noch mehr. Die Reise wird heruntergebrochen auf das eine Foto, das der Kollege letzthin auch schon herumgezeigt hat. Das Bild, das man bei alten Schulfreunden auf Facebook gesehen hat. Das Bild, das alle machen, und für das man oft ewig ansteht.

In Londons riesigem Bahnhof „King’s Cross“ gibt es einen Bahnsteig 9 3/4, bekannt aus den Harry Potter Filmen. Also, es gibt nicht wirklich einen Bahnsteig, aber eine Wand  in die augenscheinlich ein Einkaufswagen zur Hälfte verschwunden ist. Dort kann man ein Foto machen (lassen).
Das Motiv ist wirklich ärmlich und es braucht schon einen Hogwarts Schal um den Hals, damit man wenigstens ein wenig Zaubercharme versprüht. Die Magie der Filme, des Universums der Bücher und Filme kommt hier nicht wirklich auf.
Wer allerdings das Foto machen möchte, darf sich nicht einfach an den Einkaufswagen stellen und mit seinem Handy oder seiner Kamera einen Schnappschuss erzielen. Nein, man muss sich anstellen. Nicht hinter drei bis vier Personen, sondern am frühen Abend hinter über 50 Menschen.

Das Verschwenden von Erinnerungen, Stand, Meer

Das Verschwenden von Erinnerungen

Ein Foto, das tausende Male bereits geschossen wurde und nicht mal ansatzweise originell ist. Doch warum das ganze? Warum hat man sich nicht 15 Minuten gegönnt und originale Harry Potter Schauplätze rausgesucht, um auf eigene Faust zu entdecken und möglicherweise ein wirklich besonderes Foto zu knipsen?
Um die Schlange zu bewältigen brauchte man sicher eine Stunde. Eine Stunde, die man auch anders hätte investieren können – besonders in einer Stadt wie London.
Doch es zeigt wunderbar, wie das Fotografieren und damit irgendwie auch das Reisen dem Massenkonsum unterliegt.

Es ist das moderne Verschwenden von Erinnerungen.

Wie viele schauen sich das Bild tatsächlich nochmal an? Wie viele drucken es sich aus und hängen es möglicherweise im Wohnzimmer auf? Wahrscheinlich kaum einer.  Wozu auch? Das Foto ist für jeden, der in London war, standard. Und in London waren doch schon die meisten.

Wo bleibt also die Erinnerung am Ende? Auf einer externen Festplatte, irgendwo zwischen Bildern vom Big Ben und der Tower Bridge. In ein paar Jahren, als man gerade ein anderes Foto sucht, stolpert man nochmal drüber, lächelt kurz und klickt weiter. Es ist das Massenkonsumieren von Fotos, von Erinnerungen, von Lebenszeit.

Das Verschwenden von Erinnerungen, Hund, Stralsund

Meine Erinnerungen

Ich blicke, während ich diesen Beitrag schreibe, auf die Fotos die über unserem Fernseher hängen. Verschwendete Erinnerungen? Kaum. Klar, das obligatorische Selfie ohne erinnerungstechnischen Mehrwert ist dabei, doch viele Fotos zeugen von Erlebnissen: Als wir uns Cappys in New York gekauft haben und ein Gangsterfoto machten. Ein Schnappschuss mit dem Hund in Prag, als er zu mir aufblickt und es so aussieht, als würden wir miteinander plaudern. Mimi, wie sie von einem Geländer springt, im Hintergrund der Freedom Tower. Eine Spiegelung von ihr im Seitenspiegel im Black Creek National Park. Ich, total angesoffen zwischen zwei Hasen aus dem schieß-mich-tot-Film in den Universal Studios.

Ich erwische mich mittlerweile selbst oft, wie ich aufhöre Fotos auf meinen Reisen zu machen. Einfach nur etwas fotografieren, damit ich es fotografiert habe, tue ich selten – wenn gleich es natürlich immer wieder vorkommt.
Dabei ist das gar nicht so schlecht, immerhin sind Fotos auf Reisen ja eine Dokumentation, ein digitales Einbrennen von Erinnerungen. Das dürfen sie auch sein. Doch Fotos sollen mittlerweile bei mir einen Mehrwert haben, sie sollen einfach mehr zeigen. Ich habe heute noch Fotos in meinen Sammlungen, die ich immer wieder und wieder überlege irgendwo einzubinden. Sie sind mir einfach gut gelungen und ich weiß genau, wo ich sie finde, an welchem Ort ich sie gemacht habe und wie die Stunde davor und danach ablief. Die Erinnerungen sind nicht nur auf meiner externen Platte, sie sind ganz tief in mir verwurzelt und das Foto ist das Dokument, die Verbildlichung des Moments – und eben nicht nur ein Beweis.

Denn mit diesen Bilder können viele wahrscheinlich nicht so viel anfangen wie ich. Genau das unterscheidet ein gutes Fotos einer guten Erinnerung von anderen. Sie haben einen Wert. Nicht für die anderen, sondern für mich selbst. Sie sind nicht dazu da, ein Beweis für meine Reise gewesen zu sein, sondern sie sind mein persönlicher kleiner Schatz, den ich aufsuche wenn ich Sehnsucht habe.

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Mehr Kunst, weniger Masse

Das heißt nicht, dass jedes Bild gleich das nächste „Da Vinci der Fotografie“ sein muss. Doch es wäre angebracht, das eigene Fotoverhalten vielleicht manchmal zu überdenken.
Wir sind alle Individuen und doch versuchen wir mit aller Macht, eine Masse zu sein und einer Masse zu entsprechen. Wenn Fotos aber nichts mehr aussagen über uns, außer, dass sie nichts aussagen, wie viel Bedeutung messen wir uns dann noch selbst bei? Wie viel Persönlichkeit steckt in uns, wenn eine Reise nach London am Ende nur eine x-beliebige Bildersammlung auf der Festplatte wird, anstatt eine Sammlung von wunderbaren, verkorksten Erinnerungen.

Wie viel Foto braucht der Mensch und viel wichtiger: Was möchte er darauf eigentlich wirklich sehen?

9 thoughts on “Das Verschwenden von Erinnerungen

  • Sehr schön geschrieben. Ich selbst erwische mich auch dabei Tage nur durch die Linse zu erleben, dabei können wir die schönsten Augenblicke nicht festhalten sondern nur im Herzen tragen

  • Ich persönlich nehme sehr häufig Fotos aus ungewohnten Perspektiven auf, weil ich nicht unbedingt das Bild haben möchte, was ich schon kenne. Manchmal gehe ich ganz bewußt an den bekannten Sehenswürdigkeiten vorbei ohne ein Foto zu machen, weil ich weiß, dass ich das überall finde und es mir nichts bedeutet.
    Meine Lieblingsbilder drucke ich aus und hänge sie im Wohnzimmer auf und da ist nicht eines dabei, was man eigentlich gemacht haben müsste. Zumindest nie so, wie man es kennt.
    Aber gerade diese Woche habe ich einen Kommentar erhalten, der genau auf diese Schiene geht. Mein Blog sei unpersönlich, weil ich keine Bilder von mir online hätte. Ich glaube nicht, dass diese Bilder, wo man sich selbst darstellt die Persönlichkeit eines Blogs ausmachen. Meine Texte sind teilweise sehr persönlich und meine Fotos sind ebenfalls meine persönlichen Zeitzeugen. Sie zeigen den Ausschnitt, der mir wichtig (oder auch mal unwichtig) war. Ich versuche mein Gefühl einer Momentaufnahme zu transportieren. Ich denke, dass gelingt mir. Allerdings hat nicht jeder die gleichen Gefühle und deshalb muss man auch mit Kritk leben.
    Als toleranter Mensch finde ich aber, dass jeder das und so fotografieren soll, wie man damit glücklich und zufrieden ist. Es ist ok, wenn das das Mainstreambild ist.

    Es grüßt
    DieReiseEule und Liane

    • Ich meinte aber gar nicht speziell Blogs oder Internetauftritte. Ich denke, da kann man sich auch auf eine künstlerische Freiheit berufen. Von daher: Ob du auf deinen Fotos drau bist oder nicht ist, für dein Onlinemedium, ist ja egal.
      Und hinzu kommt ja auch, dass du nicht auf deinem Foto drauf sein musst, damit es für dich wertvoll ist. Das musst doch selbst entscheiden.

      Und natürlich sei es jedem selbst überlassen, ob er das Massenfoto haben möchte oder nicht – aber die Frage sei trotzdem erlaubt, warum man das möchte 🙂

      • Ich glaube, viele möchten es, weil man nicht aus der Rolle fallen will. Was alle machen kann nicht falsch sein, oder so? Und ich denke, dass viele sich nicht trauen, einfach mal was mit ihrer Kamera auszuprobieren.
        Was man kennt, kennt man. Und das kennen auch die Anderen. Vielleicht ist das die Komfortzone, die man so ungern verläßt…?

  • Interessanter Artikel! Ich persönlich finde, dass die digitale Fotografie es zu einfach macht, drauf los zu knipsen. Man kann unendlich viele Fotos machen. Warum dann nicht auch welche, die alle haben? Ich habe noch gelernt analog zu fotografieren, als jedes Foto noch richtig Geld kostete. Da überlegt man sich genau, was man fotografiert. Auch heute mache ich weniger Fotos als manche. Trotzdem müssen die Postkartenmotive sein. Oder das Foto von mir in der Verbotenen Stadt. Ganz einfach, weil es mich erinnert, dass ich – wow! – tatsächlich schon dort gewesen bin und dass das ein tolles Gefühl war. Solche Fotos finden eher selten den Weg in einen Blogartikel.
    Langweilig wird es, wenn ich mir die vielen Strandfotos ansehe, die manche posten, oder Sonnenauf- und Untergänge. Da sieht der Strand auf Mallorca genauso aus wie der auf Mauritius, der Sonnenuntergang in Thailand genauso wie der in Florida. Sowas fotografiere ich auch, aber ich schaue auch immer, etwas zu fotografieren, was für die Ecke der Welt speziell ist. Und posten tue ich dann die speziellen Fotos.
    Und über die ewig gleichen Fotos mit der Reisebloggerpose hab ich mich auch mal ausgelassen.
    Beste Grüße
    Ulrike

    • Danke für deine Antwort! Ja, natürlich ist es auch richtig, die Fotos von sich zu machen als „Beweis“ dass man da war. Das macht schon irgendwie Sinn. Allerdings, das ist eben etwas was mir auffällt, dass eben viele ihren ganzen Urlaub aus solchen Fotos gestalten. Man braucht sich nur mal anschauen, welche Fotos die meisten aus London mitbringen.

      Ich bin da schon jemand, der gern mal das ungewöhnliche fotografiert. Oder Blöd auf seinem SElfie schaut. Einfach, weil Fotos keine ernste Angelegenheit sind und am Ende eh nur für mich sind und manchmal auch für den Blog!

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