Mödlareuth – Das geteilte Dorf

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Mödlareuth – Ein gespaltenes Dorf

Ich war bereits einige Zeit auf der Autobahn unterwegs um Mödlareuth zu erreichen. Meine Reise führte mich nach Thüringen. Und nach Bayern. Beides gleichzeitig, denn dieses Dorf, Mödlareuth, hat einen besonderen Status, eine sonderbare Geschichte und ist heute noch ein Mahnmal an unsere Generation.

Mödlareuth, das gespaltene, das getrennte Dorf, nicht nur im Jetzt, sondern auch im Damals, im Früher. Eine Zeit, die viele junge Menschen höchstens aus Geschichtsbüchern kennen. Eine Geschichte, die so nah ist aber doch so fern scheint. Mödlareuth hat nur 50 Einwohner – aber steht sinnbildlich für 80 Millionen.

Dies hier ist seine Geschichte. Die Geschichte eines Dorfes, das einst in zwei Staaten lebte.

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Kuh-Dorf?

Urkundlich existiert Mödlareuth bereits seit dem 13ten Jahrhundert, besonders groß war es nie. Selten lebten hier mehr als eine grobe handvoll Menschen in dem Dorf, dass durch den Tannbach geteilt wird. Doch bereits damals war es politisch wie kirchlich ein Streitpunkt: Schon immer lag es auf religiösen oder politischen Grenzen. Es war Bistumsgrenze oder lag zwischen dem Fürstemtun „Reuße jüngere Linie“ und Königreich Bayern. Doch das beeinträchtigte das wirtschaftliche und alltägliche Leben der Mödlareuther nie. Es war eine formelle Sache, deren Einfluss kaum zu spüren war.

Doch das sollte sich ändern, als die Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1949 begann und Mödlareuth nun nicht nur auf regionaler politischer Ebene oder zwischen Bischofstümern teilte, sondern ein Politum gegensätzlicher gesellschaftlicher Ansichten war: Dem Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft auf der einen, der bayerischen Seiten, dem Kommunismus der DDR auf der anderen Seite.

Plötzlich wurde das Leben in Mödlareuth auf einen Schlag verändert, als man  ein paar Jahre später eine Mauer quer durch das Dorf baute. Zuerst aus Holz, dann aus Stacheldraht, dann aus Beton. Wer im Weg wohnte, wurde delogiert, ins Landesinnere. Manch einer konnte noch flüchten, sprang aus Stallfenstern oder vom Heuboden in die Freiheit – sprich dem Westen. Wer das nicht konnte, blieb auf der falschen Seite der Mauer.

Fortan richtete die DDR in dem kleinen Dorf Mödlareuth ein politisches Novum ein: Mödlareuth lag in der 500m Sperrzone der Mauer, wurde strengstens kontrolliert. Ausgangssperren gehörten zum Alltag. Das Dorf durfte nur mit spezieller Genehmigung betreten werden und nur auf bestimmten Zufahrtsrouten. Die Wachen besaßen Schießbefehl.

Während auf der amerikanischen Seite, Bayern, die Mauer zum Touristenmagneten wurde, wurde sie für die Mödlareuther im Osten zum Alltag. Und ein Symbol politischer Willkür.

„Alltäglich wurde, was nicht alltäglich war!“

Wer nach Mödlareuth möchte, muss sich erst einmal über einige Landstraßen, Täler und Berge kämpfen. Beschaulich und ruhig liegt es dann im Tal, kaum nennenswert, gäbe das nicht diese Sache mit den 41 Jahren Trennungsgeschichte. Heute ist Mödlareuth deswegen bekannt und auch, weil das Deutsch-Deutsche Museum mit seiner Freilichtanlage daran erinnert. Erinnern möchte. Ein Mahnmal darstellen will. Was passieren kann, wenn politische Willkür und perfide Streits von Machthabern ausarten. Wie auch der unschuldige „kleine Mann“ betroffen sein kann, was da so in Berlin passiert.

Heute, 28 Jahre nach dem Mauerfall und 27 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands steht natürlich keine Mauer mehr. Lediglich ein paar Überreste des Museums sind noch da, zusammen mit Stacheldrahzäunen, Wachtürmen und Grenzposten.

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Ich parke auf dem Schotterparkplatz. Bereits als Jugendlicher, auf einer schulischen Berlinfahrt, war ich einmal hier und erinnere mich gleich an den sowjetischen Panzer, der am Parkplatz steht. Mit dem fixen Plan, ihn auf meinem Rückweg zu fotografieren, starte ich den 350m langen Fußweg zum Museum.

Das Museum liegt in einem Fachwerkhaus an einem kleinen Teich und kostet mich 3 Euro Eintritt. Ein bisschen zu wenig, wenn ich bedenke was mir geboten wird, aber wahrscheinlich kann man in Mödlareuth nicht mehr verlangen. Dennoch ist es ein häufig angefahrener Touristenmagnet von Busen und Reisegruppen aller Art. Auch heute, an diesem sonnigen Samstag, ist eine ältere Reisegruppe anwesend.

Deutsch-Deutsches Museum in Mödlareuth

Ich verzichte auf den Film zum Alltag während der Trennung, da ich nur auf der Durchreise bin und nicht so viel Zeit habe (und ihn ja schon mal gesehen habe), und begebe mich zur Ausstellung, die im Preis inkludiert ist. Hier gibt es viele Textwände und Bilder sowie Ausstellungsstücke der damaligen Zeit. Sowohl über den kalten Krieg im Allgemeinen als auch das Leben und vereinzelte Fluchtversuche aus Mödlareuth werden abgehandelt. Die Ausstellung ist sehr ausgewogen und kurzweilig und ich bin eine ganze Weile in dem großen Raum.

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Als nächstes Besuche ich die Fahrzeugausstellung. Bereits am Eingang der umgebauten Scheune wird gebeten, keine Fahrzeuge zu berühren oder zu besteigen. Erst als ich hineingehe verstehe ich, warum dies mehrmals am Eingang steht: Man hat schon ein sehr starkes Bedürfnis, die ausgestellten Fahrzeuge anzufassen und genauer zu inspizieren. Von Trabanten über alte Polizeitautos bis zu sowjetischen Militärfahrzeugen und sogar ein Helikopter ist alles ausgestellt was relevant war. Wirklich spannend und ich bin immer noch schockiert, dass hier nur 3 Euro verlangt werden.

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Der dritte Teil ist die Freilichtanlage. Hier wurde ein Teil der Mauer stehen gelassen sowie ein Grenzposten mit seinen Wachtürmen. Die warme Sonne und der blaue Himmel trügen: Heiter Sonnenschein kann man sich hier nicht erwarten, wenn man an die Zeit zurückdenkt.

Grenzposten, Stacheldrahtzäune, Fahrzeugsperren, Hundewachanlagen, Maschendrahtzäune, zum Schießen angehaltene Grenzposten. 500m Sicherheitszone, 5km Sperrzone entlang der Mauer. „Little Berlin“, nannten es die amerikanischen Soldaten spöttisch. Das lag gar nicht so fernab der Realität.

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Mödlareuther Grenzgänger

Tatsächlich schaffte es einer in den 37 Jahren der geschlossenen Teilung zu fliehen. Nicht unbemerkt und mit viel Glück übersprang der die 2,5m hohe Mauer und trickste die Grenzposten aus. Der Mödlareuther, der mit einem Bus und einer eigens angefertigten Metallleiter an einer für die Wachen schwer einsehbaren Stelle an die Mauer fährt und mithilfe eben jener Leiter und dem Autodacht drüber springt. Tatsächlich ließ sich der Wachmann, der diese Aktion bemerkte, gar 40 Sekunden Zeit seine Waffe zu laden um dann zu schießen. Doch am Ende schoss er nicht. Anschließend verschärfte man die Schusspflicht.

 

Ich spaziere derweil weiter über die Freilichtanlage. Die Türme wirken mit dem blauen Himmel im Hintergrund beinahe zu friedlich. Eng sind ihre Leitergänge bis zum kleinen Wachturmkopf. Ich wundere mich, wie es wohl sein muss dort jeden Tag hinauf zu gehen und immer bereit sein zu müssen auf Menschen zu schießen. Wahrscheinlich eines der schrecklichsten Gefühle der Welt.

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Der Matsch, den der Regen vorheriger Tage aufgemischt hatte, machte schon ein kleines Bild davon, wie die Sicherheitszone ausgesehen haben muss. Ich mach einige Bilder, versuche die Atmosphäre einzufangen.

Als die Touristengruppe von hinten anrauscht, verziehe ich mich langsam über das Drehkreuz hin zum Parkplatz. Ich blicke noch einmal zurück. Das Drehkreuz im Maschendrahtzaun ist schon irgendwie ironisch.

Ebenso wie die strahlende Sonne, die meine Fahrt nach Hause begleitet. Nein, heiter Sonnenschein konnte diese irreale Welt nicht aufheitern.

 

 

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