Stamford Bridge in London

Altehrwürdige Stamford Bridge

Etwas schüchtern liegt sie da, mitten im Londoner Vorort: Die Stamford Bridge. Die Sonne badet das mitten zwischen Häusern liegende Stadion des Fussball Clubs Chelsea FC. Eine seltene Erscheinung gerade deswegen, weil es heutzutage nur noch wenige Stadien gibt, die so mitten in urbaner Umgebung liegen. Die Allianz Arena in München zum Beispiel liegt außerhalb der Stadt, in Fröttmaning. Auch das Ernst-Happel-Stadion in Wien ist umgeben von einer großen Parkanlage, dem Prater.

Wer nicht gerade an Fussball interessiert ist, wird mit der altehrwürdigen Stamford Bridge nicht einmal etwas anzufangen wissen. Immerhin gibt es hier keine „Brücke“ (Bridge) zu sehen und „Stamford“ scheint auch nicht auf einer modernen Karte auf.

Doch wie kommt es, dass mitten im Londoner Stadtteil Fulham ein Stadtion steht, dass weder dem Traditionsverein FC Fulham gehört, noch irgendwie mit einer Brücke zu tun hat?

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Stanford Creek

Der Name rührt aus einer Mischung des nicht mehr vorhandenen Flusses „Stanford Creek“ und dessen Brücken „Little Chelsea Bridge“ (oder noch früher: Sanford Bridge) und „Stanbridge“. Ein Namenwirrwar, etwas Kreativität und schon war der Name „Stanford Bridge“ geboren. Das Stadion, eigentlich als Leichtathletikstadion geplant, sollte Anfang des letzten Jahrhunderts dem FC Fulham als Spielstätte dienen, die aber ablehnten. Daraufhin zog der 1905 gegründete Club Chelsea FC ein – der Beginn einer langen Fussballgeschichte. Beinahe einem modernen Märchen, mit ihrem Höhepunkt in München.

Doch trotz der langen Geschichte tritt der Chelsea Football Club geschichtlich kaum zu Tage. Ein paar Titel wie die Meisterschaft 1955 oder der Europapokal der Pokalsieger 1971 lassen den einst goldenen, heute blauen Löwen auf dem Emblem ein wenig zumindest glänzen. Dennoch: Tatsächlich spielte der Club aus dem Londoner Vorort selten eine Rolle.

 

Tradition an der Stamford Bridge?

Heute ist der Chelsea FC als mit Geld vollgepumpter Club bekannt, als Spielzeug eines reichen Russen. Doch die Geschichte des Vereins ist vielfältig und hat tatsächlich einiges zu erzählen.
Davon ist aber wenig zu sehen. Die Stamford Bridge ist kein Leichtathletikstadion mehr, sondern durch verschiedene Umbauten, die letzte 2001, mittlerweile ein reines Fussballstadion. Auf dem Weg zum Eingang hängen die Legenden des Vereins – die meisten äußerst bekannten Spieler, alle aus einer Ära der letzten 20 Jahre. Es wirkt beinahe etwas abstößig, wie Chelsea ihre eigene große Karriere feiert, die dabei ziemlich jung ist.

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Der Chelsea FC machte besonders dadurch auf sich aufmerksam, dass Roman Abramowitsch, ein betuchter russischer Ölmangat, sich den Verein kaufte. Als Spielzeug, wie es hieß. Zum reinen Vergnügen. Das würde nicht lange halten, munkelte man. Wenn der Erfolg ausbleibt – denn Erfolg kann man sich ja nicht kaufen – wird der Verein fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Abramowitsch, bekannt durch oberkörperfreie Bildern auf Luxusyachten, hätte doch sicherlich kein Interesse Geld in Misserfolg zu pumpen. Und es würde einiges Geld werden – beinahe über eine Milliarde Euro.

Man sollte sich irren. Doch auf dem Vereinsgelände ist davon kaum etwas zu spüren. Abramowitsch hält sich dezent im Hintergrund. Es gibt keine Statue des Geldhahns, keine großen Hinweise auf den Vater des Erfolgs.

Wir umrunden das Stadion, das von außen sehr bescheiden daher kommt, einmal gänzlich bis wir zum Fanshop und damit zum Eingang zur Fantour kommen.

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Der gehört eigentlich uns!

Auf dem Weg zum Wartebereich für die Tour kommen wir am Champions League Pokal vorbei. Der erste Raum der Tour preist das an, auf was die Fans und der Verein unheimlich stolz sind: Der europäischen Spitze, die man 2012 in der Allianz Arena in München erklomm.
„You wanna make a photo with the cup?“, fragt uns ein Mitarbeiter. Ich winke ab. „Actually, that’s our cup!“, antworte ich. Als Münchner blutet mir das Herz: Das Finale „Dahoam“, im eigenen Stadion, gegen einen unterlegenen Club aus London verloren. Dieser Pokal, geputzt und poliert wie er da stand, gehörte nach München.

„Unsere Stadt – unser Verein – unser Pokal“, hieß der Slogan damals, im Finale im Mai 2012. Der FC Bayern München verliert im Elfmeterschießen, eines der tragischsten überhaupt, gegen den Chelsea Football Club aus London. Unvergessen das Bild, als Bastian Schweinsteiger den entscheidenen Elfmeter, den er nicht schießen wollte, gegen den Pfosten setzte. Er versteckte seine Tränen in seinem Trikot, doch jeder wusste welcher Schmerz auf den jungen Mann einbrach. Im Hintergrund feierten Drogba & Co. den ersten – und bisher einzigen – Gewinn der Champions League.

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An diesem Abend waren sie der beste Fussball Club Europas. Das Ziel Abramowitschs, dass er 2013 ausgab, war erreicht. Geld schießt also doch Tore.

Ein letzter Blick auf den Pokal, dann warten wir auf die Tour. Ein motivierter Tourführer holt uns ab, führt uns ins Stadion. Ziemlich britisch, ziemlich einfach, ziemlich ehrlich. Die Stamford Bridge wirkt nicht wie ein pompöses Zuhause eines der besten Vereine Europas. Die Stamford Bridge, sie macht den Chelsea FC beinahe … sympathisch.

Ich schüttelte mich. Sympathisch? Naja.
Wir laufen durch betonierte Gänge, die mal mehr mal weniger jüngste Erfolge zelebrieren: Gewonnene Meisterschaften, Pokalsiege, den Champions League Sieg von 2012.

Die Stamford Bridge – ein Zuhause?

Als wir im Stadion auf den Rängen sitzen, blendet uns die tiefstehende Dezembersonne.  Das Stadion wirkt – verglichen mit den Arenen in München, Barcelona oder auch Wien, wie ein kleines Wohnzimmer, in dem sich kleine Mannschaften zum Kicken treffen. Die Ränge sind dicht, die Tribünen relativ klein. Dennoch passen knapp 42 000 Menschen hinein. Die Stimmung, die wir uns in dem leeren Stadion heute nur vorstellen können, muss gigantisch sein. Typisch britisch, könnte man sagen. Das Gras, die Linien sind zum Greifen nah. Ich mache die Augen zu und versuche mir vorzustellen, wie sich ein Sieg hier anfühlen musste. So nah an den Fans, so nah an der Stadt, an London.

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Beeindruckend. Da wirkt es umso mehr Schade, dass das Stadion bereits einen Ablauftermin hat. In den nächsten fünf Jahren soll die Stamford Bridge abgerissen und durch einen 60 000 Plätze Tempel ersetzt werden. 140 Jahre Geschichte werden somit planiert – und gleichzeitig in einen neuen Glanz gegossen.

Wir bewegen uns in die Presseebene. Unter dem Stadion finden die Interviews nach dem Spiel statt, Pressekonferenzen und mediale Ereignisse. Hier feiert sich der Tourguides und seinen Verein selbst: Als wären wir hier bei Real Madrid wird ausschweifend über Titel und Feiern geplaudert.

Etwas arrogant, denke ich mir.
Etwas überheblich, finde ich.Stamford Bridge, Chelsea FC, Fussball, Stadion, Stadiontour, London, Fulham, Chelsea, Soccer

Denn immerhin reden wir hier von einem Verein, der seine Millionen nicht durch sportlichen Erfolg gewonnen hat, sondern aus einer privaten Tasche finanziert bekam. Geld schießt Tore, oder so.

Die letzten Meter auf der Tour führen in die Kabinen der Spieler. Ich setze mich, ohne es zu wissen, vor einen Spind, der nicht mehr besetzt ist.
„Den besaß die größte Legende des Chelsea FC! Wer weiß wer das war?“, fragt er. „Frank Lampard“, posaunt es aus mir heraus.

Tatsächlich war es der Spind des ehemaligen Spielers Frank Lampards. Er wird nicht mehr besetzt, weil sich niemand traut dort zu sitzen – die Fußstapfen, die Ehre, der Erfolg, der Charakter seien einfach nicht zu ersetzen. Eine Ehre für einen Spieler, der seine ganze Karriere hier, an der Stamford Bridge, verbachte.

Ein toller Spieler.

 

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Zufriedenheit

Als wir das Stadion wieder verlassen, ist genauso wenig los wie vorher. Kaum ein Mensch befindet sich auf dem Stadiongelände, mitten im Londoner Stadtteil Fulham. Wir fahren mit dem Bus zurück in die Innenstadt, die Sonne scheint noch immer.

Eine schöne Tour in einem Stadion, das es bald nicht mehr geben wird. Ich bin zufrieden, auch wenn es für mich nicht unbedingt ein sympathischer Verein ist.

Das Stadion hingegen – bezaubernd, beeindruckend. Ein wahres zuhause für jedes Fussballherz.

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